Depressionen aus Sicht eines Betroffenen
Laut einschlägigen Statistiken zählen gemäß ICD-10 neben Insomnien ohne organische Ursachen Depressionen zu den häufigsten psychischen Erkrankungen in Europa (EU, Schweiz, Norwegen, Island), wobei es nicht selten auch zu Komorbiditäten (= Begleiterkrankungen) kommt. Die Symptome einer Depressionen sind oftmals extrem quälend, auch physisch belastend und führen zu einer erheblichen Reduktion der allgemeinen Leistungsfähigkeit, was für die Betroffenen nicht selten auch extreme Auswirkungen (Verlust des Arbeitsplatzes, finanzielle und andere soziale Probleme) haben kann, mit denen sie jedoch vielfach alleine gelassen werden.
Andauernde Müdigkeit, Antriebslosigkeit und beeinträchtigte Konzentration in Verbindung mit negativen Gedanken, Gedankenkreisen, Niedergeschlagenheit und diversen Befürchtungen, Schuldgefühle sowie Ängsten etc. sind nichts, was man/frau jemandem wirklich wünschen möchte. Besonders schlimm kann es sein, wenn diverse Therapien (medikamentös und psychotherapeutisch kombiniert) nicht gut, nicht ausreichend oder manchmal auch fast gar nicht wirken. Kommen dann noch diverse andere Leiden hinzu, die oftmals eine direkte oder indirekte Folge von Depressionen darstellen, wird es für die Betroffenen zunehmend schwierig, den Alltag mit allen möglichen Hindernissen (bei der Zugänglichkeit; „Barrieren“) zu bewältigen. Meistens aber reichen schon die depressiven Symptome alleine aus, um diverse „Barrieren“ als unüberwindbar und belastend zu erleben.
Zumindest als häufig vorkommende Tatsachen sind Depressionen inzwischen gesellschaftlich halbwegs anerkannt und viel weniger stigmatisiert als andere psychische Erkrankungen sowie psychosoziale Behinderungen. Das liegt vermutlich nicht zuletzt daran, dass die meisten Menschen mit Depressionen kaum auffallen und sich oftmals lieber zurückziehen, anstatt die Umwelt in Aufruhr zu versetzen oder über die Maßen zu belasten. So erlebe es zumindest ich immer wieder. Nicht umsonst zählen chronische Depressionen auch zu den sogenannten „unsichtbaren (psychosozialen) Behinderungen“.
Viele Menschen mit Depressionen versuchen darüber hinaus, ihre Zustände und das damit verbundene Leiden zu verbergen, solange es nur irgendwie geht. An Selbst– und Fremdgefährdung denken die meisten Betroffenen oft nicht, wenngleich es auch diese Fälle im Zuge existentieller Krisen und dem subjektiven Gefühl völliger Ausweglosigkeit gibt.
Depressionen sind jedenfalls schwere Erkrankungen, die keinesfalls auf die leichte Schulter zu nehmen sind. Sie erfordern auf jeden Fall eine gut sowie gründliche fachärztliche und psychotherapeutische Behandlung sowie Begleitung, da sie meistens eben nicht einfach so verschwinden und ihnen eine starke Tendenz innewohnt, zur Chronifizierung zu neigen. Ausnahmefälle oder besondere Glücksfälle, auf die man/frau sich keinesfalls verlassen sollte, bestätigen hier die Regel.
Wer jemanden mit Depressionen kennt, sollte sich übrigens vor allem mit klugen Ratschlägen zurückhalten, vornehmlich zuhören und vorsichtig versuchen, die betroffene Person möglichst subtil, keinesfalls aber übergriffig, dahingehend zu überzeugen, sich rasch fachärztliche Hilfe und Unterstützung zu suchen. Manchmal kann es hilfreich sein, diese Menschen auch auf ihren ersten Schritten dorthin zu begleiten und umsichtig sensibel zu unterstützen.
Im Falle einer akuten Selbst- und Fremdgefährdung kann es darüber hinaus auch notwendig erscheinen, eine Person in ein entsprechendes Krankenhaus zu bringen oder auch im Notfall in ein geeignetes Krankenhaus einweisen zu lassen. Wegsehen oder Verdrängen sind für Betroffene jedenfalls keine gute Lösung und auch keine Hilfe. Von belehrenden Vorträgen und Ratschlägen, mögen sie auch noch so gut gemeint sein, ist allerdings auf jeden Fall abzuraten. In schweren Phasen, bei lang anhaltender Symptomatik und bei ausgeprägten Episoden sind viele Betroffene zudem für „Empowerment“ nicht mehr zugänglich, sondern benötigen möglichst schnell und umfassend professionelle Hilfe.
Erfahrene reflektierte Peers können im Zusammenhang mit der Wiederherstellung von Zugänglichkeit vor allem im niederschwelligen Bereich zusätzlich hilfreich sein, sofern sie ähnliche Symptome kennen und diese selbst bereits bewältigt haben. Der Grund dafür ist, dass erfahrene Peers mit Depressionen in ihrer Lebensgeschichte meistens auch wissen, dass nicht alle quälenden Symptome und Zustände dauerhaft anhalten müssen und in vielen Fällen wieder abnehmen oder ganz verschwinden.
Komorbiditäten: Krankheiten treten gemeinsam auf.
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